{"id":1566,"date":"2026-03-27T09:28:00","date_gmt":"2026-03-27T08:28:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bgjd.de\/?p=1566"},"modified":"2026-03-27T09:28:00","modified_gmt":"2026-03-27T08:28:00","slug":"gedanken-zu-rev-manshis-essay-religioese-gewissheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bgjd.de\/gb\/2026\/03\/27\/gedanken-zu-rev-manshis-essay-religioese-gewissheit\/","title":{"rendered":"Gedanken zu Rev. Manshi\u2019s Essay \u201eReligi\u00f6se Gewissheit\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>von Meik N\u00f6rling<\/p>\n\n\n\n<p>Eines der B\u00fccher, die ich immer zu unseren Zen-Sesshin in den Butsugenji mitnehme, ist \u201eSkelett einer Religionsphilosophie\u201c von Rev. Manshi Kiyozawa (*1863 bis +1903), einem Priester und Professor der J\u00f4do Shinsh\u00fb Higashi Honganji-ha. (Das andere Buch ist Yunqi Zhuhong\u2019s \u201eDie Zen-Peitsche\u201c.)<\/p>\n\n\n\n<p>Manshi\u2019s Buch enth\u00e4lt neben der namengebenden Schrift mehrere k\u00fcrzere Essays des Shinshu-Lehrers, die aus meiner Sicht sowohl besser verdaulich als auch inspirierender sind als die Hauptschrift \u201eSkelett einer Religionsphilosophie\u201c. So will ich hier dann einige Gedanken zum Essay \u201eDie unentbehrlichen Voraussetzungen religi\u00f6ser Gewissheit\u201c teilen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eWas ist religi\u00f6se Gewissheit? Obwohl sie unterschiedlich beschrieben werden kann, ist religi\u00f6se Gewissheit der innere Frieden, der sich einstellt, wenn man sich auf das verl\u00e4sst, was den Menschen transzendiert. Wenn bei einem Menschen, dem Religion gleichg\u00fcltig war, ein religi\u00f6ses Interesse erwacht, dann ist dies Ausdruck einer Ern\u00fcchterung gegen\u00fcber der blo\u00dfen Menschenwelt. Er hat zwei Seelen in seiner Brust: Die Welt ist f\u00fcr ihn entzaubert und doch ist er unentrinnbar an sie gebunden. Es ist, als versuchte er vorw\u00e4rtszugehen, w\u00e4hrend er r\u00fcckw\u00e4rtsgeht. Wie kann er festen Stand gewinnen?<br>Religion ist kein Weg, den es einzuschlagen gilt, um in dieser Welt ein guter Mensch zu werden. Sie ist ein Weg, der \u00fcber den Menschen hinausf\u00fchrt. Um diesen Weg zu beschreiten, muss man von weltlichen Dingen unabh\u00e4ngig werden. Wer den Weg der Religion tats\u00e4chlich eingeschlagen hat, w\u00fcrde niemals behaupten, wir k\u00f6nnten religi\u00f6se Gewissheit erlangen, solange wir von dieser Welt abh\u00e4ngig sind. Das w\u00e4re ein krasser Widerspruch. Jedem, dem es ernstlich um religi\u00f6se Gewissheit zu tun ist, empfehle ich daher, sich von allen Formen der Abh\u00e4ngigkeit und des eigenm\u00e4chtigen Strebens zu l\u00f6sen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Aus meiner Sicht ist die Sprache des Textes oder seiner \u00dcbersetzung ins Deutsche etwas veraltet. Vielleicht sollte man eher von \u201espiritueller Gewissheit\u201c und \u201eSpiritualit\u00e4t\u201c sprechen, denn \u201eReligion\u201c klingt immer auch sehr institutionalisiert. Wie dem auch sei, Rev. Manshi erteilt mit diesem Absatz jedenfalls eine klare Absage an all jene, die den Buddha-Weg beschreiten, um damit ihr Ego aufzubl\u00e4hen, sich selbst zu schm\u00fccken oder zu optimieren. Es geht eben nicht darum, buddhistische Techniken einzusetzen um \u201eReichtum und Ruhm\u201c anzuh\u00e4ufen. Es geht ums Loslassen. Das ist fundamental.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eManch einer fragt dann vielleicht: &#8216;Sollen wir also unser Zuhause verlassen und in die Einsamkeit der Berge gehen?&#8217; Die Frage ist berechtigt, und meine Antwort lautet: Es ist nicht unbedingt n\u00f6tig, dass alle Menschen \u2013 wie der Buddha Shakyamuni \u2013 die Einsamkeit der Berge aufsuchen. An einem Leben in den Bergen ist allerdings nichts auszusetzen. Doch es kommt nicht darauf an, wo wir uns physisch befinden \u2013 zu Hause oder in den Bergen, bei der Arbeit in einer Werkstatt, beim Fischen oder Jagen, beim Lernen in einer Schule oder beim Milit\u00e4rdienst. Worauf es ankommt, ist einzig und allein, dass wir in unserem Herzen unabh\u00e4ngig sind von Haus, Familie, Freunden, Vaterland, Erziehung und Wissen und mit entschlossenem, unersch\u00fctterlichem Herzen dem Geist des Buddha Gefolgschaft leisten. Es ist in Ordnung, wenn wir heiraten, Fisch essen, wohlhabend sind und Ansehen und Wissen besitzen. Es ist auch in Ordnung, wenn wir all dies nicht tun und besitzen. Es ist in Ordnung, zu Hause oder in den Bergen zu leben. Worauf es allein ankommt, ist, dass ein Mensch sich auf seiner Suche nach Religion durch derlei nicht ablenken l\u00e4sst. Er sollte sich allein auf den Geist des Buddha verlassen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWer ins Reine Land geboren werden will, der spreche einfach &#8216;Namu-Amida-Butsu&#8217; und glaube ohne jeden Zweifel an diese Geburt. Weiter ist nichts erforderlich\u201c \u2013 das sagte schon Meister Honen. Es klingt sehr einfach, und es scheint nicht allzu viel zu erfordern, sich auf den Buddha, seine Gel\u00fcbde und das Nenbutsu zu verlassen. Tats\u00e4chlich geht es aber nicht darum, was man daf\u00fcr aufwenden muss, sondern darum, was daf\u00fcr loszulassen ist! Es geht um eine \u00c4nderung der eigenen Sichtweise, weg vom Haben- und Sein-Wollen, hin zum Loslassen, zum Fallenlassen, zum Sich-\u00fcberlassen. \u201eWirf dich in das Haus des Buddha, und alles wird getan von Buddha\u201c, sagte unser verstorbener Rodaishi-sama, Daisetsu Tangen Harada vom Bukkokuji oftmals.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eIst ein Mensch dahin gekommen, dann kann er auch ein moralisches Leben f\u00fchren. Dann kann er auch nach akademischem Wissen streben. Er kann sich auch mit Politik und Gesch\u00e4ften befassen. Er kann auch Fischen oder Jagen gehen. Wenn sein Land in Gefahr ist, kann er auch mit einem Gewehr auf den Schultern in den Krieg ziehen. Er kann auch seine Eltern oder sein Vaterland lieben. Er kann auch in einer Fabrik oder in der Landwirtschaft arbeiten. Deshalb hei\u00dft es &#8216;Jeder Lebensunterhalt harmonisiert mit der wahren Lehre des Buddhismus<\/em>&#8216;<em> (Lotus Sutra). An anderer Stelle hei\u00dft es: <\/em>&#8216;<em>Unser allt\u00e4gliches Leben ist Buddhismus. Buddhismus hei\u00dft, sich kleiden und Nahrung zu sich nehmen; hei\u00dft, den nat\u00fcrlichen Bed\u00fcrfnissen nachkommen; hei\u00dft laufen, stehen, sitzen, liegen.&#8217;\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Als Zen-Buddhist dr\u00e4ngt sich mir hier das letzte der Zehn Ochsenbilder auf: Mit offenen H\u00e4nden auf den Marktplatz zur\u00fcckkehren. Da stellt sich allerdings auch die entscheidende Frage: Ist man schon dahin gekommen, oder ist man noch auf dem Weg dorthin? Kann man den Marktplatz schon mit offenen H\u00e4nden betreten, oder muss man noch am Loslassen und an seinem Vertrauen arbeiten?<\/p>\n\n\n\n<p>Von Rev. Manshi\u2019s Essays geh\u00f6rt dieses hier zu meinen absoluten Favoriten!<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Sammlung der Schriften von Rev. Manshi erschien 2017 in deutscher \u00dcbersetzung unter dem Titel \u201eSkelett einer Religionsphilosophie\u201c in der ersten Auflage bei MSB Matthes &amp; Seitz Berlin Verlagsgesellschaft mbH\u201c und ist aktuell noch erh\u00e4ltlich \u2013 Band 112 der Reihe \u201eFr\u00f6hliche Wissenschaft\u201c.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Meik N\u00f6rling Eines der B\u00fccher, die ich immer zu unseren Zen-Sesshin in den Butsugenji mitnehme, ist \u201eSkelett einer Religionsphilosophie\u201c von Rev. Manshi Kiyozawa (*1863 bis +1903), einem Priester und Professor der J\u00f4do Shinsh\u00fb Higashi Honganji-ha. (Das andere Buch ist Yunqi Zhuhong\u2019s \u201eDie Zen-Peitsche\u201c.) Manshi\u2019s Buch enth\u00e4lt neben der namengebenden Schrift mehrere k\u00fcrzere Essays des Shinshu-Lehrers, die aus meiner Sicht sowohl besser verdaulich als auch inspirierender sind als die Hauptschrift \u201eSkelett einer Religionsphilosophie\u201c. 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Um diesen Weg zu beschreiten, muss man von weltlichen Dingen unabh\u00e4ngig werden. Wer den Weg der Religion tats\u00e4chlich eingeschlagen hat, w\u00fcrde niemals behaupten, wir k\u00f6nnten religi\u00f6se Gewissheit erlangen, solange wir von dieser Welt abh\u00e4ngig sind. Das w\u00e4re ein krasser Widerspruch. Jedem, dem es ernstlich um religi\u00f6se Gewissheit zu tun ist, empfehle ich daher, sich von allen Formen der Abh\u00e4ngigkeit und des eigenm\u00e4chtigen Strebens zu l\u00f6sen.\u201c Aus meiner Sicht ist die Sprache des Textes oder seiner \u00dcbersetzung ins Deutsche etwas veraltet. Vielleicht sollte man eher von \u201espiritueller Gewissheit\u201c und \u201eSpiritualit\u00e4t\u201c sprechen, denn \u201eReligion\u201c klingt immer auch sehr institutionalisiert. Wie dem auch sei, Rev. Manshi erteilt mit diesem Absatz jedenfalls eine klare Absage an all jene, die den Buddha-Weg beschreiten, um damit ihr Ego aufzubl\u00e4hen, sich selbst zu schm\u00fccken oder zu optimieren. Es geht eben nicht darum, buddhistische Techniken einzusetzen um \u201eReichtum und Ruhm\u201c anzuh\u00e4ufen. Es geht ums Loslassen. Das ist fundamental. \u201eManch einer fragt dann vielleicht: &#8216;Sollen wir also unser Zuhause verlassen und in die Einsamkeit der Berge gehen?&#8217; Die Frage ist berechtigt, und meine Antwort lautet: Es ist nicht unbedingt n\u00f6tig, dass alle Menschen \u2013 wie der Buddha Shakyamuni \u2013 die Einsamkeit der Berge aufsuchen. An einem Leben in den Bergen ist allerdings nichts auszusetzen. Doch es kommt nicht darauf an, wo wir uns physisch befinden \u2013 zu Hause oder in den Bergen, bei der Arbeit in einer Werkstatt, beim Fischen oder Jagen, beim Lernen in einer Schule oder beim Milit\u00e4rdienst. Worauf es ankommt, ist einzig und allein, dass wir in unserem Herzen unabh\u00e4ngig sind von Haus, Familie, Freunden, Vaterland, Erziehung und Wissen und mit entschlossenem, unersch\u00fctterlichem Herzen dem Geist des Buddha Gefolgschaft leisten. Es ist in Ordnung, wenn wir heiraten, Fisch essen, wohlhabend sind und Ansehen und Wissen besitzen. Es ist auch in Ordnung, wenn wir all dies nicht tun und besitzen. Es ist in Ordnung, zu Hause oder in den Bergen zu leben. Worauf es allein ankommt, ist, dass ein Mensch sich auf seiner Suche nach Religion durch derlei nicht ablenken l\u00e4sst. Er sollte sich allein auf den Geist des Buddha verlassen.\u201c \u201eWer ins Reine Land geboren werden will, der spreche einfach &#8216;Namu-Amida-Butsu&#8217; und glaube ohne jeden Zweifel an diese Geburt. Weiter ist nichts erforderlich\u201c \u2013 das sagte schon Meister Honen. Es klingt sehr einfach, und es scheint nicht allzu viel zu erfordern, sich auf den Buddha, seine Gel\u00fcbde und das Nenbutsu zu verlassen. Tats\u00e4chlich geht es aber nicht darum, was man daf\u00fcr aufwenden muss, sondern darum, was daf\u00fcr loszulassen ist! Es geht um eine \u00c4nderung der eigenen Sichtweise, weg vom Haben- und Sein-Wollen, hin zum Loslassen, zum Fallenlassen, zum Sich-\u00fcberlassen. \u201eWirf dich in das Haus des Buddha, und alles wird getan von Buddha\u201c, sagte unser verstorbener Rodaishi-sama, Daisetsu Tangen Harada vom Bukkokuji oftmals. \u201eIst ein Mensch dahin gekommen, dann kann er auch ein moralisches Leben f\u00fchren. Dann kann er auch nach akademischem Wissen streben. Er kann sich auch mit Politik und Gesch\u00e4ften befassen. Er kann auch Fischen oder Jagen gehen. Wenn sein Land in Gefahr ist, kann er auch mit einem Gewehr auf den Schultern in den Krieg ziehen. Er kann auch seine Eltern oder sein Vaterland lieben. Er kann auch in einer Fabrik oder in der Landwirtschaft arbeiten. Deshalb hei\u00dft es &#8216;Jeder Lebensunterhalt harmonisiert mit der wahren Lehre des Buddhismus&#8216; (Lotus Sutra). An anderer Stelle hei\u00dft es: &#8216;Unser allt\u00e4gliches Leben ist Buddhismus. Buddhismus hei\u00dft, sich kleiden und Nahrung zu sich nehmen; hei\u00dft, den nat\u00fcrlichen Bed\u00fcrfnissen nachkommen; hei\u00dft laufen, stehen, sitzen, liegen.&#8217;\u201c Als Zen-Buddhist dr\u00e4ngt sich mir hier das letzte der Zehn Ochsenbilder auf: Mit offenen H\u00e4nden auf den Marktplatz zur\u00fcckkehren. Da stellt sich allerdings auch die entscheidende Frage: Ist man schon dahin gekommen, oder ist man noch auf dem Weg dorthin? Kann man den Marktplatz schon mit offenen H\u00e4nden betreten, oder muss man noch am Loslassen und an seinem Vertrauen arbeiten? Von Rev. Manshi\u2019s Essays geh\u00f6rt dieses hier zu meinen absoluten Favoriten! Die Sammlung der Schriften von Rev. 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