Antworten im Buddha-Dharma
von Meik Nörling
In der aktuellen „Buddhismus Aktuell“ las ich vor ein paar Tagen zuerst die ersten Abschnitte des Artikels „Warum die Antwort auf Krisenzeiten jenseits von Hoffnung und Furcht liegt“. Darin fordert der Autor, nicht länger auf technologische Lösungen oder politische Reformen zu hoffen, sondern sich bereits im Vorfeld auf tiefere, existenzielle Formen der Anpassung vorzubereiten. Die eigene Verletzlichkeit und das kollektive Versagen anzuerkennen, wäre eine Voraussetzung hierfür. Der Diskurs über Zusammenbruch und Endlichkeit sei allerdings selbst unter denen, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit befassen, tabuisiert. Mittlerweile habe ich den ganzen Artikel gelesen, ein paar „Lösungsansätze“ (wenn man sie so nennen will) waren aufgeführt.
Ich vermisse da allerdings den ganz allgemeinen Hinweis, dass der Buddha-Dharma tatsächlich doch stets Antworten auf dringliche Fragen parat hat! Ich meine hier keine konkreten Antworten darauf, wie man der sogenannten „Polykrise“, also dem gehäuften Autreten von mehreren zusammenhängenden Krisen in Klima, Wirtschaft, Resourcen, Fluchtbewegungen und globalen Kriegen, Herr werden kann. Ich meine Hinweise darauf, was man selbst, ganz persönlich, tun kann, wie man sich verhalten könnte oder sollte, als Buddhist und ganz allgemein als Mensch.
Ich könnte hier jetzt den Edlen Achtfachen Pfad aus Buddhas erster Lehrrede oder die Fünf Achtsamkeitsübungen der Plum Village-Sangha nach Thich Nhat Hanh anführen, beides mehr als brauchbare Hinweise und Handlungsempfehlungen. Als Zen-Buddhist und Anhänger der Jodo Shinshu, und auf dieser Website der BGJ-D, soll es allerdings um andere Hinweise gehen. Um Hinweise, die freilich aber auch auf dem Edlen Achtfachen Pfad und auf den allgemeinen buddhistischen Verhaltensregeln (Sila) gründen.
Doch kommen wir zunächst zu den Ursachen. Aus Buddhas erster Lehrrede entlehnt, heißt es auch im Bekenntnis der DBU: „Ursachen des Leidens sind Gier, Hass und Verblendung“. Gier, Hass und Verblendung sollten nicht nur allein wörtlich genommen werden, sondern in gewisser Weise auch stellvertretend für andere unheilsame Eigenschaften, die mit „haben-wollen“, „vermeiden-wollen“ und „nicht-wahrhaben oder wahr-nehmen wollen“ einher gehen. Das sind insbesondere auch: Egoismus, Ego-Zentriertheit, Gefallsucht, Bequemlichkeit, Leidenschaften, Langeweile, Ignoranz, Polarisierung, Idealismus und Extremismus. Ungeschönt betrachtet, sind viele dieser Eigenschaften genau jene, die von Werbung aufgegriffen werden, sei es von Produkt-Werbung, von Wahl- oder Partei-Werbung, von Algorithmus-Auswertungen oder ähnlichem. Es wird an diese Eigenschaften mit unheilsamem Potential appelliert um ein bestimmtes Kaufverhalten oder bestimmte Entscheidungen zu forcieren. Darüber sollte man sich ohne Frage im Klaren sein.
Eines der wichtigsten Kapitel von Meister Dogens Hauptwerk „Shobogenzo“ ist meines Erachtens das Kapitel „Shoaku makusa“, meist mit „Erzeuge kein Unrecht“ übersetzt. Dogen Zenji beginnt das Kapitel mit dem Zitat: „Ein alter Buddha sagte: „Enthalte dich von allem Übel, praktiziere alles, was gut ist, reinige deinen Geist; dies ist die Lehre aller Buddhas“.“ (Shobogenzo. Gesamtausgabe im Angkor-Verlag) Damit ist eigentlich schon alles gesagt, alles Wichtige geschrieben. Hier könnte ich bereits enden. Trotzdem will ich diesem Einleitungssatz eine moderne Interpretation des folgenden Satzes an die Seite stellen. Dieser Satz lautet in der Gesamtausgabe wie folgt: „Selbst dann, wenn das Übel die Welt in mehreren Schichten zudeckt und die Elemente in sich aufsaugt, ist es immer noch die Loslösung des Enthaltens vom Übel“. Das kam für mich immer etwas kryptisch, gar unverständlich daher, bis ich Brad Warners Buch „Don’t be a Jerk“ („Sei kein Idiot“) las. Darin interpretiert er diesen Satz mit: „Selbst wenn das ganze Universum nichts anderes ist als ein Haufen von Idioten, die alle denkbaren idiotischen Dinge anstellen, selbst dann gibt es noch immer Befreiung, die darin besteht, einfach selbst kein Idiot zu sein“. (Von mir übersetzt.) Auch wenn es die Mehrheit macht, selbst wenn es alle tun, obwohl es offensichtlich unheilsam ist, dann verkörpern wir die Befreiung indem wir selbst eben nicht Teil des Problems werden. Sich anders entscheiden, zum Jasagen „Nein!“ sagen, gerade auch fragwürdigen Leitsätzen wie „Haben ist besser als Brauchen“, oder der allgemeinen „Mitnahme-Mentalität“ eine Absage erteilen.
Vor diesem Hintergrund sollte man sich auch die Frage gefallen lassen, inwieweit man eigentlich dazu bereit ist, das eigene Leben vom Dharma bestimmen zu lassen. Folge ich dem Dharma um eine positive Veränderung meiner selbst und meiner Umwelt herzustellen? Bin ich nur Buddhist um mit diesem „Buddhist-sein“ mein Ego aufzublähen? Oder nutze ich das, was der Buddhismus anbietet, ausschließlich dafür um mich mit Erfolg, Wohlstand und Ansehen schmücken zu können?
Mein Geschreibsel soll keinesfalls als moralischer Zeigefinger herhalten – ich bin kein Moralapostel, sondern unterschreibe aufrichtig zusammen mit Shinran Shonin das Bekenntnis ein „dummes Wesen voll von blinden Leidenschaften“ zu sein. Und insbesondere Meister Shinran war ein Verfechter der Selbstreflexion, des ungeschönten Blicks in die eigenen Abgründe, Leidenschaften und Unzulänglichkeiten, sowie ein Lehrer in Sachen Dankbarkeit. Dankbarkeit geht mit Zufriedenheit einher, hier nicht als Zustand oder Gefühl anzusehen, sondern als Lebenseinstellung. Im Mahlzeiten-Sutra der Zen-Tradition heißt es: „Zeigen wir Dankbarkeit und haben wir es durch unsere Taten und Übung verdient. Habsucht ist ein Hindernis für den Frieden des Geistes; diese Mahlzeit ist Medizin, die unser Leben erhält“.
Selbstreflexion kann nur wirklich funktionieren, wenn man sich auch die eigene Unwissenheit und Unkenntnis, sowie die eigenen Vorurteile eingesteht, und die Betrachtungen nicht allein auf bereits gefasste Meinungen und Ansichten und dem, was man zu wissen glaubt, aufbaut. Ein solches „Nichtwissen“ kann dann zu einem wirklich positiven Katalysator werden. So heißt es bei den Zen-Peacemakers: „Nichtwissen ist der Ursprung aller Lebensäußerungen. Ich betrachte alle Äußerungen des Lebens als Lehren des Nichtwissens“. Wahrhaft „nichtwissend“ sein bedeutet, alles unvoreingenommen und ohne Vorurteil wahrzunehmen. Eben keine schnellen, kurzen und einfachen Antworten herbeisehnen, die man dann unter „Das habe ich verstanden“ ablegt – wie schon Sokrates sagte: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Mit aufrichtiger Selbstreflexion und Dankbarkeit kann es tatsächlich gelingen, nicht immerzu nur Teil des Problems zu sein, sondern ab und an auch zur Lösung beizutragen, ganz natürlich, vielleicht nicht sofort zur umfassenden Lösung der Polykrise, sondern mit jeder einzelnen Entscheidung, immer ein kleines Bisschen mehr, kontinuierlich.
Gomonshu-sama, Kojun Ohtani schreibt in seinem neuen Ryogemon: „Mit dem Dharma als meiner Richtschnur lebend, erweichen mein starres Herz und mein Verstand. Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens, das ich erhalten habe, befreit mich davon, mich in Gier und Wut zu verlieren.“ Und im „Jodo Shinshu Seikatsu Shinjo“ heißt es: „Das Licht des Buddha verehrend, werfe ich meine Anstrengungen mit Selbstreflexion und Dankbarkeit in meine Tätigkeiten.“ (Hier von der Website des Kelowna Buddhist Temple übersetzt, vgl. aber auch unser rotes Andachtsbuch „Shinshu Gongyoshu“, 2. Auflage von 2017.)
Ist der Buddha-Dharma als Antwort auf die aktuellen Krisen ausreichend? Ich sag’s mal so: Haben wir als Buddhisten denn eine andere Alternative?
Abschließend fällt mir dazu noch ein Ausspruch unseres verstorbenen Rodaishi-sama, Daisetsu Tangen Harada, ein, den er bei einem Trauerfall zu meinem eigenen Meister, Bus-san Shoshin Roshi äußerte: „Don’t worry – all is One!“
Gassho
