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Gedanken zu Rev. Manshi’s Essay „Religiöse Gewissheit“

von Meik Nörling

Eines der Bücher, die ich immer zu unseren Zen-Sesshin in den Butsugenji mitnehme, ist „Skelett einer Religionsphilosophie“ von Rev. Manshi Kiyozawa (*1863 bis +1903), einem Priester und Professor der Jôdo Shinshû Higashi Honganji-ha. (Das andere Buch ist Yunqi Zhuhong’s „Die Zen-Peitsche“.)

Manshi’s Buch enthält neben der namengebenden Schrift mehrere kürzere Essays des Shinshu-Lehrers, die aus meiner Sicht sowohl besser verdaulich als auch inspirierender sind als die Hauptschrift „Skelett einer Religionsphilosophie“. So will ich hier dann einige Gedanken zum Essay „Die unentbehrlichen Voraussetzungen religiöser Gewissheit“ teilen.

„Was ist religiöse Gewissheit? Obwohl sie unterschiedlich beschrieben werden kann, ist religiöse Gewissheit der innere Frieden, der sich einstellt, wenn man sich auf das verlässt, was den Menschen transzendiert. Wenn bei einem Menschen, dem Religion gleichgültig war, ein religiöses Interesse erwacht, dann ist dies Ausdruck einer Ernüchterung gegenüber der bloßen Menschenwelt. Er hat zwei Seelen in seiner Brust: Die Welt ist für ihn entzaubert und doch ist er unentrinnbar an sie gebunden. Es ist, als versuchte er vorwärtszugehen, während er rückwärtsgeht. Wie kann er festen Stand gewinnen?
Religion ist kein Weg, den es einzuschlagen gilt, um in dieser Welt ein guter Mensch zu werden. Sie ist ein Weg, der über den Menschen hinausführt. Um diesen Weg zu beschreiten, muss man von weltlichen Dingen unabhängig werden. Wer den Weg der Religion tatsächlich eingeschlagen hat, würde niemals behaupten, wir könnten religiöse Gewissheit erlangen, solange wir von dieser Welt abhängig sind. Das wäre ein krasser Widerspruch. Jedem, dem es ernstlich um religiöse Gewissheit zu tun ist, empfehle ich daher, sich von allen Formen der Abhängigkeit und des eigenmächtigen Strebens zu lösen.“

Aus meiner Sicht ist die Sprache des Textes oder seiner Übersetzung ins Deutsche etwas veraltet. Vielleicht sollte man eher von „spiritueller Gewissheit“ und „Spiritualität“ sprechen, denn „Religion“ klingt immer auch sehr institutionalisiert. Wie dem auch sei, Rev. Manshi erteilt mit diesem Absatz jedenfalls eine klare Absage an all jene, die den Buddha-Weg beschreiten, um damit ihr Ego aufzublähen, sich selbst zu schmücken oder zu optimieren. Es geht eben nicht darum, buddhistische Techniken einzusetzen um „Reichtum und Ruhm“ anzuhäufen. Es geht ums Loslassen. Das ist fundamental.

„Manch einer fragt dann vielleicht: ‘Sollen wir also unser Zuhause verlassen und in die Einsamkeit der Berge gehen?’ Die Frage ist berechtigt, und meine Antwort lautet: Es ist nicht unbedingt nötig, dass alle Menschen – wie der Buddha Shakyamuni – die Einsamkeit der Berge aufsuchen. An einem Leben in den Bergen ist allerdings nichts auszusetzen. Doch es kommt nicht darauf an, wo wir uns physisch befinden – zu Hause oder in den Bergen, bei der Arbeit in einer Werkstatt, beim Fischen oder Jagen, beim Lernen in einer Schule oder beim Militärdienst. Worauf es ankommt, ist einzig und allein, dass wir in unserem Herzen unabhängig sind von Haus, Familie, Freunden, Vaterland, Erziehung und Wissen und mit entschlossenem, unerschütterlichem Herzen dem Geist des Buddha Gefolgschaft leisten. Es ist in Ordnung, wenn wir heiraten, Fisch essen, wohlhabend sind und Ansehen und Wissen besitzen. Es ist auch in Ordnung, wenn wir all dies nicht tun und besitzen. Es ist in Ordnung, zu Hause oder in den Bergen zu leben. Worauf es allein ankommt, ist, dass ein Mensch sich auf seiner Suche nach Religion durch derlei nicht ablenken lässt. Er sollte sich allein auf den Geist des Buddha verlassen.“

„Wer ins Reine Land geboren werden will, der spreche einfach ‘Namu-Amida-Butsu’ und glaube ohne jeden Zweifel an diese Geburt. Weiter ist nichts erforderlich“ – das sagte schon Meister Honen. Es klingt sehr einfach, und es scheint nicht allzu viel zu erfordern, sich auf den Buddha, seine Gelübde und das Nenbutsu zu verlassen. Tatsächlich geht es aber nicht darum, was man dafür aufwenden muss, sondern darum, was dafür loszulassen ist! Es geht um eine Änderung der eigenen Sichtweise, weg vom Haben- und Sein-Wollen, hin zum Loslassen, zum Fallenlassen, zum Sich-überlassen. „Wirf dich in das Haus des Buddha, und alles wird getan von Buddha“, sagte unser verstorbener Rodaishi-sama, Daisetsu Tangen Harada vom Bukkokuji oftmals.

„Ist ein Mensch dahin gekommen, dann kann er auch ein moralisches Leben führen. Dann kann er auch nach akademischem Wissen streben. Er kann sich auch mit Politik und Geschäften befassen. Er kann auch Fischen oder Jagen gehen. Wenn sein Land in Gefahr ist, kann er auch mit einem Gewehr auf den Schultern in den Krieg ziehen. Er kann auch seine Eltern oder sein Vaterland lieben. Er kann auch in einer Fabrik oder in der Landwirtschaft arbeiten. Deshalb heißt es ‘Jeder Lebensunterhalt harmonisiert mit der wahren Lehre des Buddhismus (Lotus Sutra). An anderer Stelle heißt es: Unser alltägliches Leben ist Buddhismus. Buddhismus heißt, sich kleiden und Nahrung zu sich nehmen; heißt, den natürlichen Bedürfnissen nachkommen; heißt laufen, stehen, sitzen, liegen.’“

Als Zen-Buddhist drängt sich mir hier das letzte der Zehn Ochsenbilder auf: Mit offenen Händen auf den Marktplatz zurückkehren. Da stellt sich allerdings auch die entscheidende Frage: Ist man schon dahin gekommen, oder ist man noch auf dem Weg dorthin? Kann man den Marktplatz schon mit offenen Händen betreten, oder muss man noch am Loslassen und an seinem Vertrauen arbeiten?

Von Rev. Manshi’s Essays gehört dieses hier zu meinen absoluten Favoriten!

Die Sammlung der Schriften von Rev. Manshi erschien 2017 in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Skelett einer Religionsphilosophie“ in der ersten Auflage bei MSB Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft mbH“ und ist aktuell noch erhältlich – Band 112 der Reihe „Fröhliche Wissenschaft“.

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