Buch-Rezension: „Canxue suotan“ von Zhenhua
von Meik Nörling
Während einer Pilgerwanderung auf deutschen Jakobswegen im letzten Jahr hatte ich mir als Lektüre Zhenhuas „Lehr- und Wanderjahre eines chinesischen buddhistischen Mönches“ (chin. „Canxue suotan“) mitgenommen.
Das autobiografische Werk des chinesischen Bhikkhu Zhenhua (*1922 bis +2012) gilt auf Taiwan bereits als Klassiker der modernen buddhistischen Literatur. Die deutsche Fassung wurde von Marcus Günzel übersetzt und bei epubli.com auch von diesem herausgegeben. Man kann es online bestellen, überall wo es Bücher gibt, selbstverständlich auch über die Buchhandlung im Ort beziehen. Die aktuelle 2. Auflage ist von 2025.
Der eigentliche Lebensbericht des Autors Zhenhua, der bereits im jungen Alter von 14 Jahren Novize in einem kleinen buddhistischen Tempel im Norden (bzw. im Zentrum) des chinesischen Festlands wurde, beginnt nach einigen einleitenden Seiten gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, wo die japanischen Besatzer von den chinesischen Kommunisten und den Nationalisten besiegt wurden und der chinesische Bürgerkrieg in seine Endphase eintrat. Zhenhua erhält von seinem Meister die Erlaubnis, in den Süden des Chinesischen Reichs, das damalige Kernland zwischen der alten Hauptstadt Nanjing (Nanking) und der Hafenstadt Shanghai, zu reisen um dort in einem der großen buddhistischen Klöster zu ordinieren und zu studieren.
Zhenhua berichtet also zuerst über die Zustände in seinem kleinen Heimattempel und über seine Reise von Yongcheng in der Provinz Henan nach Süden, in die Gegend um Nanjing. Nachdem er dort angekommen ist, geht es um die Herausforderung, zum Bhikkhu ordiniert zu werden, um die Zustände in den großen Ordinationsklöstern im chinesischen Kernland und auch ganz allgemein darum, wie das Leben von chinesischen Ordinierten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aussah. Der Autor, der später eine nicht ganz unwichtige Rolle beim Aufbau des chinesischen Buddhismus auf Taiwan spielen sollte, vergleicht hier oft die damaligen Zustände im Mutterland mit den Gegebenheiten in den heutigen großen Klöstern auf Taiwan, in denen er bis zu seinem Tode im Jahr 2012 gelebt und gelehrt hat. Bei diesen Vergleichen und auch bei seiner Kritik an den Zuständen in manchen Klöstern nimmt Zhenhua kein Blatt vor den Mund und gibt mehr als einmal rechtfertigend zu bedenken, dass seine Kritik zwar unangebracht erscheint, aber irgendwie doch zum Wohle des Dharma vorgetragen wird.
Wir erfahren, dass der chinesische Buddhismus nach außen hin zwar als Einheit in Erscheinung tritt, sich tatsächlich aber in verschiedene Praxis-Strömungen aufspaltet, welche die einzelnen Klöster jeweils dominieren. So erwähnt Zhenhua später von seinen Optionen, etwa in ein Chan-Kloster (Schwerpunkt Zen), ein Vinaya-Kloster (Schwerpunkt auf den Vorschriften) oder ein Jingtu-Kloster (Schwerpunkt Reines-Land-Buddhismus) einzutreten. Hierbei scheint die Zuordnung der Klöster zu diesen Praxisformen keinesfalls feststehend zu sein, sondern sich vielmehr danach zu richten, wer zum Oberabt des Klosters ernannt wird und welche Dharma-Praxis dieser Abt dann lehrt.
So tritt Zhenhua dann später in ein Jingtu-Kloster ein, um „die Rezitation des Buddha-Namens zu lernen“ und zu studieren. Als Shin-Buddhist stellt man schnell fest, dass der chinesische Buddhismus des Reinen Landes (Jingtu) zwar gewisse Ähnlichkeiten mit seiner japanischen Entsprechung hat, dass es aber insbesondere in der Ausübung und der Lebensweise seiner ordinierten Anhänger und auch der Laien große Unterschiede gibt. So steht Zhenhua später in der Tradition von Meister Yinguang (*1861 bis +1940), der im chinesischen Buddhismus als 13. Patriarch der Lehren des Reinen Landes angesehen wird.
Gegen Ende des Buches beschreibt er die Nenbutsu-Retreats, die in seinem Kloster abgehalten werden, die sogenannten „Buddha-Wochen“, die er mit ähnlichen Retreats auf Taiwan, die dort noch heute stattfinden, vergleicht. Er berichtet von wundersamen Ereignissen, die aus seiner Sicht die Wirksamkeit der Reines-Land-Lehren belegen.
Für mich persönlich war das Buch sehr interessant. Es ist ansprechend geschrieben, einfach zu lesen und auch die chinesisch-buddhistischen Fachbegriffe werden einerseits gut im Anhang erklärt und durchsetzen das Buch andererseits dann auch keinesfalls so, dass es nicht mehr flüssig lesbar wäre.
Als ordinierter Zen-Buddhist, der zumindest schon einige Wochen in Tempeln und Klöstern der japanischen Tradition hier in Europa, in den USA und in Japan zugebracht hat, ist es natürlich spannend zu lesen, wie das monastische Leben im China des vorherigen Jahrhunderts, vor der Kulturrevolution, ablief. Und als Anhänger der Jodo Shinshu hier in Europa ist es auch sehr interessant zu erfahren, wie der Glaube und die Praxis in Bezug auf Buddha Amida in einer anderen Kultur und Traditionslinie sich darstellt. Vor diesem Hintergrund liegt hier natürlich ein Buch der Kategorie „Special Interests“ vor, aber als solches, wenn das Thema einen interessiert, kann ich es sehr empfehlen!