Allgemein

Staubtuch, Staubtuch! Die Geschichte von Chulapanthaka

(Die Geschichte von Chulapanthaka nacherzählt, die sich eher in der Pali-Tradition findet. Warum man sie hier im Blog auf der Webseite der deutschsprachigen Jodo Shinshu Gemeinschaft findet? Vielleicht gibt es hier und da Anknüpfungspunkte und Beziehungslinien …)

So habe ich gehört von einer, die es von woanders her gehört hat. Dies ist die Geschichte von Chulapanthaka, einem Schüler des Buddha, langsam und tumb, der zu einem wurde, der aufwachte und aufmerksam war und wusste, was getan werden musste.

Die Mutter von Chulapanthaka war die Tochter eines reichen Mannes. Sie ging eine Beziehung mit einem Diener ein und floh aus dem wohlhabenen Haus. Als die Zeit der Geburt nahte, beschloss sie, in ihr Elternhaus zurückzukehren. Doch auf dem Weg gebar sie ihren ersten Sohn, und nannte ihn „Panthaka“, das bedeutet: „Am Straßenrand geboren“. Sie kehrte wieder um, ohne ihren Eltern ihr erstes Enkelkind zu zeigen. Als sie erneut schwanger wurde, beschloss sie wieder, ihre Eltern aufzusuchen. Doch wieder gebar sie einen Sohn, noch bevor sie ihr Ziel erreichte. Diesen nannte sie nun „Chulapanthaka“, das bedeutet: „Kleiner Am-Straßenrand-Geborener“. Und fortan, nannte man den Erstgeborenen „Mahapanthaka“, das bedeutet „Großer Am-Straßenrand-Geborener“. 

Mahapanthaka hatte später die Gelegenheit, in die Hauslosigkeit zu gehen als Schüler des Buddha. Und da die beiden Brüder immer gut aufeinander achteten, wünschte sich Mahapanthaka, dass sein kleiner Bruder, Chulapanthaka, ebenso das Glück der Hauslosigkeit erfuhr. Es war ein glücklicher Tag für Chulapanthaka als er der Gemeinschaft des Lehrers aus dem Shakya-Clan beitrat. 

Zu jener Zeit, sagte man sich die Lehre des Shakya-Weisen noch mündlich weiter. Man rezitierte und wiederholte und memorierte alles. Mahapanthaka gab seinem jüngeren Bruder einen Vers zum rezitieren und auswendig lernen. Aber es war eine einzige Quälerei! Chulapanthaka brauchte vier Monate bis er es endlich schaffte, alle Silben dieses einen Verses aufzusagen. Als der fünfte Monat jedoch anbrach, begann er wieder die ersten Silben der Zeile zu vergessen. Chulapanthaka war langsam und tumb, ein hoffnungsloser Fall!

Eines Tages wollte der Arzt Jivaka die Gemeinschaft der Hauslosen bei sich bewirten. Er begab sich zu dem Park, wo die Hauslosen ihr Quartier aufgeschlagen hatten und erkundigte sich: „Wie viele beispielhafte Schüler des Shakya-Weisen üben hier?“ Man antwortete ihm: „Vierhundertneunundneunzig.“, denn alle rechneten bereits damit, dass Chulapanthaka die Gemeinschaft verlassen würde, um wieder einen Haushalt zu führen. Wie sollte jemand, der nicht mal eine einzige Zeile rezitieren konnte, jemals genügend Konzentration und Sati kultivieren können, um an das Nibbana-Ufer zu gelangen? Chulapanthaka bekam das mit und wurde traurig. Trotzdem versuchte er sich selber zu trösten: Auch als jemand, der einem Haus vorsteht, könnte er doch den Shakya-Weisen und seine Gemeinschaft der Übenden unterstützen?

Als Chulapanthaka zu seinem Lager ging, um seine Sachen zu packen, begegnete ihm der Buddha, der ihn ansprach: „Leistest du mir etwas Gesellschaft?“ So gingen sie gemeinsam und setzten sich vor das Zelt des Shakya-Weisen. Dort gab ihm der Lehrer ein weißes Tuch und wies ihn an, sich nach Osten zu wenden, das Tuch in seinen Händen zu reiben und dabei zu rezitieren: „Rachoharanang, Rachoharanang.“ In vielen Nacherzählungen wird „Rachoharanang“ interpretierend übersetzt, aber im Grunde genommen bedeutet es bloß „Staubtuch“. Der Shakya-Weise ließ ihn mit dieser Aufgabe allein und Chulapanthaka tat schlicht wie ihm geheißen. Als er das weiße Tuch zwischen seinen Händen rieb und dabei „Rachoharanang, rachoharanang, Staubtuch, Staubtuch“ rezitierte, nahm er wahr, dass der Stoff Schmutz und Schweiß aufnahm. Nichtbeständigkeit! Alles verändert sich stetig! Er erinnerte sich an die Lehre des Shakya-Weisen. Auch er selbst war der Nichtbeständigkeit unterworfen. Und er besann sich darauf, dass es eine große Aufgabe war, den Staub des Begehrens, den Staub des Hassens und den Staub der Verblendung weg zu nehmen. Wie wichtig war es, Böses zu unterlassen, Gutes zu tun und das Herz zu reinigen! Es schien ihm so, als hätte er das alles schon einmal gelernt, vor langer langer Zeit, noch vor dieser Geburt am Straßenrand vielleicht. 

Unterdesssen im Haus des Arztes Jivaka wollte man schon mit dem Mahl beginnen. Doch der Buddha sagte: „Die Gemeinschaft der Übenden ist noch nicht vollständig.“ Der Arzt Jivaka fragte: „Aber Herr, alle 499 ehrwürdigen Schüler sind doch anwesend?“ Der Buddha insistierte: „Einer fehlt noch. Schickt nach Chulapanthaka! Wir können erst gemeinsam essen, wenn alle da sind.“

Ein Bote wurde zum Park geschickt, um nach Chulanpanthaka zu suchen. Aber was für ein Anblick! Da waren tausend Chulapanthakas, die jeder etwas anderes taten: einer wusch Roben, einer hängte sie zum Trocknen auf, einer putzte die Almosenschalen, wieder ein anderer fegte die Wege frei …

Als der Bote Chulapanthakas Namen rief, ertönte es tausendfach: „Hier bin ich!“ Der Bote richtete ihm aus: „Bitte vergib uns, Chulapanthaka. Der Buddha ruft dich zur Essensspende im Haus des Arztes Jivaka. Komm wieder in unsere Reihen. Dann sind wir wieder komplett!“ Ein einzelner Chulapanthaka nahm die Bitte an und gesellte sich als beispielhaft Übender zu den Rängen der beispielhaft Übenden. 

Wenn heute in Thailand Menschen meditieren üben, begleiten manche die Aufmerksameit auf die Atembewegung mit der Rezitation „Buddho“. Es gibt einige wenige jedoch, die statt „Buddho“ oder „ein – aus“ sich als Begleitwort für den Atem aussuchen, vielleicht weil sie sich als Menschen sehen, die nicht gelehrt sind, oder weil sie sich fühlen, als wären sie am Straßenrand geboren: „Rachoharanang, Rachoharanang, Staubtuch, Staubtuch!“

Putztuch (Quelle: Wikimedia Commons)

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert